Dirigent Matthias Achleitner: 
"2026 wird ein gutes Jahr!"

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums seiner Jahreswechsel-Konzerte mit der Oberösterreich Philharmonie im Palais Linz haben wir mit Dirigent Matthias Achleitner über Tradition und Aufbruch, über befreites Musizieren und neue Klangabenteuer philosophiert. Im Gespräch verrät er, warum er bewusst Risiken eingeht, welcher Programmpunkt in diesem Jahr ein echtes Wagnis war und wie er Kitsch in Zaum hält. Er spricht über Humor als künstlerische Kraft, über die mutige Rolle des Publikums und darüber, warum er voller Zuversicht sagen kann: „2026 wird ein gutes Jahr.“ 


Lieber Matthias, deine Konzerte zum Jahreswechsel beginnen mit Fučíks „Furchtlos und treu“. Hat dieser Marsch für dich mehr als nur musikalische Bedeutung, und wo brauchst du am Dirigentenpult tatsächlich Unerschrockenheit? 

„Furchtlos und treu“ ist ein perfekter Marsch für den Anfang, er signalisiert sofort: „Wir sind da – jetzt geht’s los!“ Neben der Lebendigkeit dieses Marsches bildet er gewissermaßen auch ein Lebensmotto für viele Musizierende: Treue gegenüber der Musik ist oberste Priorität, und Furchtlosigkeit gegenüber schweren Passagen schadet nie. Als Dirigent befindet man sich in einer exponierten Position. Unerschrockenheit der Arbeit, den Musiker:innen sowie den Werken gegenüber ist in Kombination mit größtem Respekt eine Grundvoraussetzung für befreites Musizieren.

Befreites Musizieren werden wir auch erleben, wenn uns „Suppés Ouvertüre“ durch einen Tag in Wien führt. Wenn dein Arbeitsalltag als Dirigent eine Ouvertüre wäre, welche musikalischen Extreme würde sie enthalten? 

Sie wäre in allererster Linie sehr lang, denn mein Tag geht meist vom Aufstehen um 07:00 Uhr bis Mitternacht. Sie hätte definitiv viele verschiedene Teile in unterschiedlichen Taktarten, die die Vielfalt der Stücke beschreiben, mit denen ich mich beschäftige. Das Grundtempo wäre mindestens ein „Allegro assai“. Tutti-Passagen würden die Probenarbeit symbolisieren, die ruhigeren Passagen die Denkprozesse darstellen. Wahrscheinlich könnte man sie gar nicht als einheitliches Werk wahrnehmen, da die Arbeit eines Dirigenten immer sehr komplex ist und man wirklich flexibel agieren und reagieren muss – genau das macht es für mich so reizvoll. 

Diese Vielfalt und Tiefe erinnert an Josef Strauss, der oft als der feinere, introvertiertere Kopf der Familie beschrieben wird. Wie näherst du dich einem Walzer wie „Sphärenklänge“, der so viel poetische Tiefe trägt?

Ganz zu Recht wird Josef die introvertiertere Seite der Strauss-Brüder zugeschrieben, was sich in seinen unglaublich innigen Melodien äußert. Ich bin sehr froh, heuer zum fünf-jährigen Jubiläum erstmals einen Walzer von Josef Strauss ins Programm zu nehmen. Bei „Sphärenklänge“ nutzt er die Spieltechnik des Tremolos der Violinen, um in Kombination mit den Liegetönen der Bläser ein ganz flirrendes Bild zu erzeugen. Man bekommt das Gefühl einer „Fata Morgana“ mit einem sehr schwebenden und unkonkreten Klang. Die darauffolgenden Walzerfolgen schwelgen in schönsten Traumbildern, haben aber auch immer wieder den nötigen Schwung. Ein sehr raffinierter, feiner und abwechslungsreicher Walzer.

Innigkeit und Ausdrucksfähigkeit führen direkt auch zur Stimme als zentrales Instrument. Mit Jianhan Li kommt heuer ein Tenor ins Zentrum. Was muss ein Sänger mitbringen, damit seine Persönlichkeit in diesem Traditionsrahmen wirklich aufblühen kann?

In allererster Linie müssen Sänger:innen eine Stimme mitbringen, und im Falle von Jianhan Li kann sich das Publikum auf eine sehr große Stimme freuen. Ich war völlig überwältigt, als ich ihn das erste Mal gehört habe – vor allem, weil er diese Stimme sehr flexibel einzusetzen weiß. Und genau darum geht es: Die Stimme muss die Musik in ihrer Ganzheit darstellen – dabei ist natürlich der Text das alles bestimmende Mittel. Besonders die wunderbare Musik von Lehár – und heuer stehen zwei absolute Hits auf dem Programm – verlangt den Interpret:innen neben überbordender Emotionalität immer auch große Innigkeit ab. Nur wenn man diese Bandbreite wirklich abdecken kann, wird die Musik das Publikum ganz berühren.

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Man spürt, dass dir Persönlichkeit und musikalische Flexibilität wichtig sind. Was sagt deine Wahl der Polka „Entweder – oder!“ über deinen eigenen Humor und deinen Zugang zu Tempo aus?

Meiner Meinung nach ist Humor eine Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben, und ich bin sehr froh darüber, dass mich viele meiner Mitmenschen als sehr lustige Person beschreiben würden. Ich würde sagen, dass jeder Tag, an dem man nicht gelacht hat, ein verschwendeter Tag ist. Meist zielt eine Schnellpolka mit ihren krassen Kontrasten genau darauf ab, das Publikum zum Schmunzeln zu bringen. Besonders „Entweder – oder!“ soll ja bewusst provozieren, wenn jemand sich nicht entscheiden kann – oft als Anspielung auf die/den Liebhaber:in. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich per se ein sehr schneller Mensch bin und somit liegt mir eine Schnellpolka natürlich sehr nahe. Ihr Hauptzweck ist es, beim Publikum gute Laune und heitere Stimmung zu erzeugen. Somit ist sie immer ein Fixpunkt bei einem gelungenen Neujahrskonzert.

 Kein Fixpunkt aber ein unterschätzter Meister ist Ziehrer im Wiener Repertoire. Was entdeckst du in seinen „Weaner Mad‘ln“, das heute vielleicht sogar stärker wirkt als zu seiner Zeit? 

Ziehrer ist für mich persönlich von großer Bedeutung. Er war Militärkapellmeister und in meiner Zeit bei der Gardemusik Wien habe ich selbst unglaublich viele Werke von ihm gespielt. In seinen Walzern spielen das Lyrische und Sangliche die wichtigste Rolle. Dem gegenüber steht immer ein enormer Schwung und eine richtige Ausgelassenheit, die einen mitreißt und direkt zum Tanzen animiert. Besonders an den „Weaner Mad’ln“ ist die Einleitung: Völlig untypisch für seine Zeit beginnt er mit einem Landler, also einem gemäßigteren, langsameren Dreiertakt als der Walzer. Darauf folgt eine gepfiffene zweistimmige Melodie – so etwas habe ich vorher und nachher nie wieder gefunden. Die darauffolgenden Walzerfolgen sind so herrlich komponiert, dass man nur davon ausgehen kann, dass Ziehrer beim Komponieren konkrete Inspiration aus der atemberaubenden Schönheit der Wiener Mädchen gezogen hat. 

Damit sprichst du auch die Wirkung von Musik über reine Historie hinaus an. Wie stark lässt du bei der Fächerpolonaise ihre geschichtlichen Bezüge in deine Interpretation einfließen – und wo beginnt für dich der reine Klang? 

Musik ist per se etwas vollkommen Eigenständiges, das wie kaum etwas anderes Assoziationen hervorrufen kann. Natürlich wird beim Erklingen der Fächerpolonaise jede:r sofort an die Opernball-Eröffnung denken. Ich habe dieses Werk aber bewusst ausgewählt, um die Musik selbst wieder stärker in den Fokus zu stellen. Alle werden womöglich die Hauptmelodie kennen, den zweiten Teil schon weniger und das Trio könnte kaum jemand ansingen. Genau darum geht es mir. Denn besonders die Anfangsmelodie im Trio ist eine der schönsten, die Ziehrer je geschrieben hat. 

 Dieser Wechsel zwischen Vertrautem und Neuem findet sich auch in deiner Programmgestaltung. Was reizt dich am „Exotischen Tanz“ von Hans Zander und was verrät diese Wahl über deinen Blick auf das kommende Jahr? 

Das Exotische, Außergewöhnliche hat mich schon immer fasziniert und Hans Zanders Werk ist ein perfektes musikalisches Beispiel dafür. Ich habe dieses Stück bei einem Dirigat des Kurorchesters Bad Schallerbach entdeckt und war hin und weg von dieser absolut einzigartigen Tonsprache. Meiner Meinung nach handelt es sich um etwas, das in die Welt hinaus muss. Beim Programmieren versuche ich immer, Abwechslungsreichtum zu gewährleisten und zumindest ein bis zwei völlig unerwartete bzw. unbekannte Stücke einzubauen, um sowohl den Horizont des Publikums als auch des Orchesters zu erweitern. Das kann definitiv auch ein Neujahrsvorsatz sein: irgendetwas Neues, Außergewöhnliches auszuprobieren 

oder einen noch unbekannten Ort zu bereisen – das Leben steckt voller Abenteuer. 

Wo du gerade von Abwechslung und Überraschungen sprichst: Gerade die Wiener Musik verlangt viel Feingefühl. Wie hältst du in „Tausend und eine Nacht“ die Balance zwischen eleganter Linie und möglichem Kitsch?

Natürlich läuft die sogenannte „Wiener Musik“, die geradezu vom Rubato lebt wie eine Puccini-Oper, Gefahr, schnell kitschig zu werden. Da ist der eigene Geschmack sehr ausschlaggebend, aber in meiner Arbeit habe ich mittlerweile gewisse Dinge herausgefunden: Man darf nie zu viel machen, nie den gleichen „Schmäh“ zweimal bringen. Optimal ist es, wenn die Rubati so unauffällig sind, dass das Publikum sie kaum bemerkt – in dem Moment, in dem hörbar wird „Jetzt sind sie langsamer geworden“, ist die Grenze bereits überschritten. Das ist aber auch für mich der nie enden wollende Reiz an dieser fantastischen Musik und mit „Tausend und eine Nacht“ präsentieren wir ein Paradestück dieser Zeit.

Eine solche Balance verlangt zugleich Präzision und Freiheit. Was offenbart die Polka „Mit Vergnügen“ von Eduard Strauss, wenn man ihr mit wirklicher Neugier begegnet?

Ich würde sagen, dass Präzision vor allem bei der Ausführung Eduard Strauss’scher Schnellpolkas gefragt ist. „Mit Vergnügen“ hat einen unglaublichen Drive, wie kaum eine andere Schnellpolka, da sie sehr raffiniert mit dem Verhältnis zwischen Vorschlag und Nachschlag umgeht. Es gibt Momente, in denen er uns „einfängt“, wo plötzlich alles streng und geordnet ist, nur um uns dann wieder „auszulassen“ und beinahe wegfliegen zu lassen. Diese Polka ist wirklich ein einziges Vergnügen und steckt voller Lebensfreude und Optimismus.

Lebensfreude, Drive und Energie führen uns direkt zum Fliegermarsch. Was zieht dich stärker an: Musik, die sich selbst feiert, oder Musik, die sich selbst hinterfragt? 

Musik beschreibt sich nie selbst. Sie steht zunächst einmal da und bringt dann in weiterer Folge in uns diverse Emotionen hervor. Einerseits war es immer schon die große Aufgabe der Musik, Dinge darzustellen, die wir mit Worten einfach nicht erklären können. In diesem Kontext regt uns Musik auch sofort dazu an, alles kritisch zu hinterfragen. Andererseits ist sie häufig auch dazu da, um uns primär zu unterhalten, uns zu erfreuen, uns zu feiern – und das ist gut so und notwendig. Beim Fliegermarsch befinden wir uns sicherlich in der letzteren Kategorie, da er mit seinem Schwung und seinen elektrisierenden Melodien ein Gefühl der Freude auslöst, das dann im Finale ekstatisch zum Höhepunkt kommt – ein wunderbarer Abschluss für das offizielle Programm. 

Wenn du das Programm als Ganzes ansiehst: Folgst du eher dem Bedürfnis nach Tradition oder dem Wunsch, Erwartungen zu durchbrechen?

Für mich hat ein gutes Programm immer beides. Einerseits sehnen wir uns nach Tradition, nach Bekanntem, worin wir uns wohlfühlen. Andererseits ist es mir auch ein persönliches Bedürfnis, immer wieder bewusst den Horizont zu erweitern, verlorene Juwelen zu entdecken oder auch zu provozieren und zum Nachdenken anzuregen.

Damit sind wir bei der Rolle des Orchesters als lebendiges Gefüge. Wo ziehst du die Grenze zwischen deiner künstlerischen Leitung und der Freiheit der Musiker:innen?

Am Ende des Tages sind die Musiker:innen die Ausführenden und diejenigen, die den Klang machen. Das heißt, ich muss immer so führen, dass sie frei musizieren können. Natürlich gibt es Entscheidungen, die ich treffen muss, und Stellen, an denen ich klar führe. Viel wichtiger ist jedoch zu wissen, wann man das Orchester spielen lassen muss und ihnen einfach nur einen Raum zur Verfügung stellt. Karajan sagte immer: „Die goldene Regel beim Dirigieren ist: Nicht stören!“

Gerade in einem Konzertformat, das viele Traditionen erwartet, ist diese Freiheit entscheidend. Welche Entscheidung war für dich heuer die mutigste im Neujahrsprogramm? 

Das ist definitiv die Auswahl des „Exotischen Tanzes“. Ich bin mir sicher, dass den fast niemand kennt und es für das Publikum eine völlig unerwartete Überraschung sein wird. 

Mut und Dramaturgie prägen auch die emotionale Reise des Publikums. Welche Grundstimmung sollen die Menschen mitnehmen, wenn der Radetzkymarsch verklungen ist? 

Die Grundstimmung soll Enthusiasmus und in der Essenz Freude und Glückseligkeit sein. Es soll den Menschen einfach gut gehen und sie sollen hoffnungsvoll in das neue Jahr blicken können – vielleicht auch in Kombination mit ein paar melancholischen Rückblicken auf das vergangene Jahr. 

Diese Stimmung hängt bestimmt eng mit deinem eigenen Blick auf den Jahreswechsel zusammen. Würdest du dieses Programm in identischer Form gestalten, wenn es nicht Neujahr wäre? 

Es stimmt sehr gut mit meinem Blickwinkel überein, da mich einige dieser Werke auch konkret durch dieses Jahr begleitet haben oder ich sie nun aktiv studiert habe. Die Vielfältigkeit, die das Programm enthält, spiegelt auch sehr gut wider, wie ich mir ein gelungenes neues Jahr 2026 vorstelle. Aber selbstverständlich würde ich anders programmieren, wenn es nicht Neujahr wäre. Ein Programm soll immer einen roten Faden sowie einen Grund bzw. Anlass und Bezug haben. 

Wenn du für 2026/27 nur einen Wunsch frei hättest: mehr Offenheit im Publikum oder mehr Wagemut im Orchester. Welche Seite wäre für dich entscheidender – und warum? 

Wenn ich mich wirklich entscheiden müsste, würde ich mir mehr Offenheit im Publikum wünschen. Ich stehe in der glücklichen Position, dass unsere Silvester-/Neujahrskonzerte beinahe jedes Mal restlos ausverkauft sind und sehe somit, dass wir auf einem guten Weg sind. Trotzdem weiß ich, dass es da draußen noch viele Menschen gibt, die ich ebenfalls für Musik begeistern möchte bzw. auch für andere Programme. So viele Menschen wie nur möglich zu erreichen, ist mein größtes Ziel. Übrigens durfte ich dieses Jahr dankbarerweise feststellen, dass der Wagemut im Orchester enorm gewachsen ist! 

Beides beeinflusst letztlich auch, wie du als Dirigent wahrgenommen wirst. Wofür möchtest du im neuen Jahr stehen – und was dürfen die Menschen von dir erwarten, das sie vielleicht noch nicht kennen? 

Ich möchte immer als Musikvermittler gesehen werden und als jemand, der die Musik wirklich von ganzem Herzen liebt und lebt. Dirigentisch versuche ich durch mein Studium vor allem, größere Bögen zu formen und die unglaubliche Kraft in der Fokussierung der Energie zu finden und zu schöpfen. Mehr ist bei uns nicht gleich mehr. Eine große Bewegung hat nicht automatisch wirklich großen Klang zur Folge – das ist eine Frage innerer Intensität.

Damit richtet sich der Blick zum Abschluss auf die Zukunft. Welchen Gedanken möchtest du den Menschen mitgeben, wenn sie mit deinem Konzert ins neue Jahr starten? 

2026 wird ein gutes Jahr. 

Wir wünschen Ihnen noch einen wunderbaren Jahresausklang und freuen uns, wenn Sie uns zum Jahreswechsel im Palais Linz besuchen.
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